Geschichts- und Stadtführung mit Manfred Groß:
„Vom Dorf zu den Weinkellern“
Bei unbeständigem Wetter führte Manfred Groß am 12. Juni durch ein weniger bekanntes Kapitel der Deutsch-Wagramer Ortsgeschichte. Unter dem Titel „Vom Dorf zu den Weinkellern“ ging es vom Angerdorf über prägende Stationen im Ortskern bis zu den alten Weinkellern Am Wagram.
Manfred Groß, Direktor des Stadtmuseums, erschien passend in der Uniform des Infanterieregiments Nr. 42 und hatte die Geschichts- und Stadtführung mit viel Liebe zum Detail vorbereitet. Mit dabei waren nicht nur eine Mappe mit historischen Abbildungen der einzelnen Stationen, sondern auch mehrere besondere Anschauungsstücke: Kanonenkugeln, ein lederner Wasserkübel zum Löschen von Bränden, ein alter Kirchenschlüssel, ein lederner Tragebehälter für eine Weinflasche sowie ein Diorama des Rußbachs mit den Rußbachbrücken im Angerdorf von Deutsch-Wagram. So wurde die Geschichte des Ortes nicht nur erzählt, sondern unmittelbar sichtbar und greifbar gemacht.
Gleich zu Beginn erzählte Manfred Groß auch die Geschichte des Infanterieregiments Nr. 42, das in Deutsch-Wagram eine besondere Rolle in der Erinnerung an die Schlacht bei Wagram einnimmt. Das Regiment hatte sich in der Schlacht besonders ausgezeichnet und erhielt dafür von Erzherzog Carl das Privileg, bei allen Gelegenheiten den „Generalmarsch der Grenadiere“ schlagen zu dürfen. Dieses historische Trommelsignal wurde erst kürzlich von Karl Rosenmayer eingespielt und ist heute im neuen Audio Guide des Napoleonmuseums im Gedenkraum des Infanterieregiments Nr. 42 zu hören.
Nicht zu verwechseln ist dieses Trommelsignal mit dem später komponierten „Wagramer Grenadiermarsch“ von Josef Wiedemann aus dem Jahr 1885, der ebenfalls im Audio Guide erklingt – in einer Aufnahme des Blasorchesters der Musikschule Deutsch-Wagram. Auch die heutigen Uniformen des Blasorchesters knüpfen an diese Erinnerungskultur an: Sie stehen nicht für eine originale militärische Verwendung, sondern greifen bewusst die Tradition des Infanterieregiments Nr. 42 auf. Damit wird die Verbindung von Schlachtengedenken, Regimentsgeschichte, Musik und lokaler Erinnerungskultur bis heute sichtbar und hörbar gehalten.
Der Rundgang begann beim Denkmal der Schlacht bei Wagram 1809. Dort erinnerte Manfred Groß an Anton Pfalz, den Initiator des Denkmals: Postmeister, Gemeinderat, Chronist, Bienenzüchter, Mitglied des Verschönerungsvereins und ein echter Tausendsassa der Deutsch-Wagramer Geschichte. Pfalz verfasste unter anderem Schriften zur Franzosenzeit, zur Schlacht bei Dürnkrut, zur Bienenzucht und Vogelkunde sowie 1912 die erste „Geschichte der Ortsgemeinde Deutsch-Wagram“.
Weinkeller von Manfred Groß, ehem. Weinkeller von Bürgermeister Ferdinand Leeb (1862-1932) in Deutsch-Wagram. Foto: © Christian Matula
Weitere Fotos von der Veranstaltung: © Christian Matula
Weiter führte der Weg zum ehemaligen Gasthaus Wallner und zum bereits stark verfallenen Baron Haus. Dort lebte einst Hugo Freiherr von Tkalcsevich, der Stifter und Errichter der Monumentalkapelle 1809, des ersten Denkmals der Schlacht bei Wagram im heutigen Dr.-Sahulka-Park. Anschließend ging es zur ehemaligen Bäckerei Hager, die in Deutsch-Wagram bereits seit den 1770er-Jahren bestand und bis ins 20. Jahrhundert weitergeführt wurde. Besonders schön war, dass mit Christine Hager und ihrer Schwester Sabine Hager auch Nachkommen dieser traditionsreichen Bäckerfamilie an der Führung teilnahmen.
Bei der Stadtpfarrkirche wurden die geheimnisvollen Erdställe thematisiert, die beim Umbau der Kirche in den späten 1950er-Jahren im Bereich unterhalb des alten Wehrturmes und des ältesten Kirchenbereichs entdeckt wurden. Heute sind Funde daraus im Stadtmuseum zu sehen. Auch ein alter Schlüssel der Kirche ist erhalten geblieben – Manfred Groß hatte ihn als besonderes Anschauungsstück mitgebracht.
Eine weitere Station war das ehemalige herrschaftliche Wirtshaus „Zur Weintraube“, das 1737 gegründet wurde. Heute ist davon noch das Nebengebäude erhalten, in dem sich die Pizzeria befindet. Manfred Groß erläuterte dazu den Kaufbrief der Herrschaft Süßenbrunn aus dem Jahr 1792: Damals stimmten die Familien Deutsch-Wagrams mit ihren Siegeln zu, dass das herrschaftliche Wirtshaus „Zur Weintraube“ künftig das einzige Gasthaus des Ortes sein sollte. Lange blieb diese Sonderstellung jedoch nicht bestehen – bereits 1827 eröffnete das Gasthaus „Zum Bienenstock“, später folgten weitere Gasthäuser wie das Gasthaus Wallner.
Wegen des Regens ging es anschließend auf direktem Weg zu den ehemaligen Weinkellern Am Wagram. Viele wissen heute gar nicht mehr, dass es in Deutsch-Wagram einst Weinbau und zahlreiche Weinkeller gab. Rund 20 dieser Keller sind auch heute noch erhalten – teils versteckt, überbaut oder in private Wohnhäuser integriert.
Der Abschluss fand im Weinkeller von Manfred Groß statt, dem ehemaligen Keller von Bürgermeister Ferdinand Leeb (1862-1932). Dort ging es hinab in die alte Kellerröhre mit einem kleinen Seitenarm. Der Hauptgang verläuft unter der heutigen Straße Am Wagram. Bei Kerzenlicht wurden Wein, Brote mit Grammelschmalz und verschiedene Aufstriche gereicht. In gemütlicher Atmosphäre klang der Abend mit interessanten Gesprächen über die Geschichte Deutsch-Wagrams aus.
Auch die Geschichte des Weinbaus wurde von Manfred Groß angesprochen. Bereits ab 1795 ist Weinbau in Deutsch-Wagram fassbar. Um 1896 bis 1904 bewarb Anton Pfalz in Zeitungen amerikanische Weinreben, die wegen ihrer Widerstandskraft gegen die Reblaus von besonderer Bedeutung waren. Der Weinbau ist in Deutsch-Wagram noch bis nach 1945 belegbar. Heute wachsen beim Weinkeller von Manfred Groß seit 2023 wieder Reben – vielleicht kann irgendwann wieder ein kleiner „Wagramer Wein“ verkostet werden.
Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren sich einig: Es war eine überaus interessante Führung durch Deutsch-Wagram – und viele waren überrascht, dass es hier überhaupt einmal Weinkeller gab. Eine Fortführung dieses besonderen Rundgangs würde sehr begrüßt.
Ein herzliches Dankeschön an Manfred Groß für die kenntnisreiche und lebendige Führung sowie an alle, die trotz des Wetters dabei waren!
Die Museumsgesellschaft Deutsch-Wagram.
Autor: Christian Matula


















