Neue Erkenntnisse zur Ruine Markgrafneusiedl
Vortrag von PD a.o. Univ.-Prof. Mag. Dr. Wolfgang Neubauer FSA
Die Ruine Markgrafneusiedl gilt als das weithin sichtbare Wahrzeichen der Gemeinde. Das große Interesse an ihrer Geschichte zeigte sich bei einer sehr gut besuchten Informationsveranstaltung am Donnerstag, dem 28. Mai 2026, im Gewölbekeller. Dort präsentierte PD a.o. Univ.-Prof. Mag. Dr. Wolfgang Neubauer FSA neue Erkenntnisse zur Geschichte und Bauentwicklung der Ruine. Bürgermeister Wolfgang Seidl, der die Veranstaltung eröffnete, betonte die Bedeutung des historischen Geländes und sein Engagement, die Ruine künftig noch besser zu vermitteln und für Besucherinnen und Besucher erlebbar zu machen.
Im Mittelpunkt des Vortrags standen moderne Methoden der archäologischen Prospektion, insbesondere digitale 3D-Dokumentation, 3D-Scans und Untersuchungen mit Bodenradar. Diese Verfahren ermöglichen es, Bauwerke und Gelände hochpräzise zu erfassen und zugleich verborgene Strukturen im Untergrund sichtbar zu machen, ohne in den Boden eingreifen zu müssen. Gerade bei der Ruine Markgrafneusiedl erwiesen sich diese Methoden als besonders aufschlussreich.
Einen besonders eindrucksvollen Teil bildeten die gezeigten Scan-Ergebnisse. Auf einer digitalen Draufsicht der Ruine zeichneten sich rund um den heutigen Baukörper breite, blau hervorgehobene Strukturen ab. Sie weisen auf auffallend starke Fundament- oder Mauerverläufe im Untergrund hin und machen deutlich, dass die heute sichtbare Ruine einst Teil eines größeren baulichen Zusammenhangs gewesen sein dürfte. Auffällig ist zugleich, dass diese Strukturen im nördlichen Bereich offenbar nicht mehr vorhanden beziehungsweise nicht mehr nachweisbar sind. Als mögliche Ursache kommt der dortige Schotterabbau bis zur Grundstücksgrenze in Betracht, der auf einer Flugbildaufnahme aus der Mitte des 20. Jahrhunderts erkennbar ist.
Gerade die Stärke, Lage und Verteilung dieser Strukturen machen die Ergebnisse bemerkenswert. Noch offen ist, ob sie zur heutigen Ruine gehören, auf eine frühere Bauphase zurückgehen oder mit jüngeren Erweiterungen zusammenhängen. Sollten einzelne Fundamentbereiche tatsächlich älter sein, wäre dies ein wichtiger Hinweis auf eine bisher kaum fassbare frühere Bauphase.
Auch historische Karten und Katasterdarstellungen könnten in diesem Zusammenhang wichtige Hinweise geben. In älteren Planunterlagen scheint rund um die Ruine ein rechteckiger oder umgrenzender Bereich auf. Die neuen 3D- und Bodenradardaten ermöglichen nun, solche historischen Darstellungen mit den tatsächlichen Befunden im Gelände zu vergleichen. Dadurch lassen sich ältere Annahmen überprüfen und neue Fragen zur ursprünglichen Ausdehnung der Anlage stellen.
Besonders spannend war in diesem Zusammenhang auch die Neubewertung der Ruine. Für eine mögliche frühe Bauphase, etwa im 11. oder 12. Jahrhundert, sei die Bezeichnung als Wehrkirche im späteren Sinn nicht passend. Wehrkirchen, wie man sie aus dem Spätmittelalter kennt, treten laut Vortragendem erst ab dem 14. Jahrhundert deutlich in Erscheinung. Umso interessanter ist daher die Frage, ob die starken Fundamentstrukturen unter oder neben der heutigen Ruine auf eine andere, ältere Form der Befestigung hinweisen könnten.
Auch die frühe Geschichte des Ortes wurde angesprochen. Nach Neubauers Einschätzung könnte Markgrafneusiedl möglicherweise bereits um 800 n. Chr. bestanden haben. Ein massiver Steinbau wäre für diese Zeit jedoch kaum realistisch; eher wäre an eine einfachere Siedlungs- oder Befestigungsform zu denken, möglicherweise in Holzbauweise. Erst in späteren Jahrhunderten kommt ein Steinbau wahrscheinlicher in Betracht.
Der Vortrag ordnete Markgrafneusiedl zudem in den größeren landschaftlichen Zusammenhang des Marchfeldes ein. Die offene, pannonisch geprägte Landschaft nördlich des Rußbaches bot günstige Voraussetzungen für mobile Reitervölker wie Hunnen und Awaren. Zur Veranschaulichung zeigte Neubauer die Sandberge bei Oberweiden, wo Reste der einst ausgedehnten Flugsand- und Trockenrasenlandschaft bis heute erhalten sind. Solche Geländeformen erinnern daran, dass das Marchfeld ursprünglich nicht nur Acker- und Siedlungsraum war, sondern auch von offenen, trockenen Landschaften geprägt wurde.
Auch spätere Nutzungen wurden berücksichtigt. Besonders prägend war die Umgestaltung zur Windmühle im 19. Jahrhundert. Der aufgesetzte Rundturm und bauliche Spuren dieser Nutzung sind bis heute erkennbar. Rund um die Ruine befanden sich einst weitere Baulichkeiten, die heute nicht mehr erhalten sind. Auch diese späteren Schichten lassen sich durch die digitale Dokumentation besser einordnen und von älteren Strukturen unterscheiden.
Für die weitere Erforschung wären zusätzliche Untersuchungen notwendig, etwa eine genauere Analyse des verwendeten Steinmaterials. Hinweise auf wiederverwendetes Baumaterial aus römischen Bauten ergaben sich laut Vortrag nicht. Vielmehr dürfte das verwendete Steinmaterial aus dem nördlich gelegenen Raum stammen. Eine genauere geologische oder bauhistorische Untersuchung könnte diese Herkunft noch weiter präzisieren.
Sandberge Oberweiden, Foto: © Stefan.lefnaer, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons
Die Veranstaltung zeigte eindrucksvoll, welches Potenzial in der Verbindung von moderner Technik und historischer Forschung liegt. Die 3D-Scans und Bodenradardaten machen sichtbar, dass unter und um die Ruine Markgrafneusiedl noch wichtige Spuren verborgen liegen. Vor allem die breiten Fundamentstrukturen werfen neue Fragen zur ursprünglichen Gestalt und Funktion der Anlage auf.
Am Ende ging es auch um die Frage, welche Rolle die Ruine künftig spielen könnte. Neubauer regte an, sie nicht nur als Baudenkmal zu betrachten, sondern als Ausgangspunkt für die Vermittlung der Geschichte des Marchfeldes. Moderne Visualisierungen könnten helfen, die verschiedenen historischen Schichten verständlich zu machen – von der frühen Landschaft und den Reitervölkern über mögliche Befestigungsformen und kirchliche Nutzung bis zur späteren Verwendung als Windmühle.
Der Vortrag machte deutlich: Die Ruine Markgrafneusiedl ist weit mehr als ein historisches Wahrzeichen. Die neuen Untersuchungen liefern wichtige Hinweise, werfen aber zugleich neue Fragen auf – gerade durch das Zusammenspiel von nachweisbaren Fundamentzügen und Bereichen, in denen solche Strukturen offenbar fehlen. Diese Befunde eröffnen neue Perspektiven auf einen Ort, dessen Geschichte noch längst nicht vollständig erzählt ist.
Die Museumsgesellschaft Deutsch-Wagram freut sich sehr über diese Initiative. Es ist schön zu sehen, mit welchem Engagement die Ruine Markgrafneusiedl erforscht, aufgewertet und künftig noch besser erlebbar gemacht werden soll. Als naher Nachbarort und zentraler Schauplatz der Schlacht bei Wagram ist Markgrafneusiedl eng mit der Geschichte Deutsch-Wagrams verbunden – ein gemeinsames historisches Erbe, das es zu bewahren und weiterzuvermitteln gilt.
Autor: Christian Matula
Die Museumsgesellschaft Deutsch-Wagram.

















