Geschichts- und Stadtführung mit Fritz Quirgst am 8. Mai 2026
Am Freitag, dem 8. Mai 2026, lud die Museumsgesellschaft Deutsch-Wagram im Rahmen des Museumsfrühlings Niederösterreich erneut zu einer Geschichts- und Stadtführung mit Museumspräsident Fritz Quirgst ein. Diese Stadtspaziergänge haben sich in den vergangenen Jahren zu einem fixen Bestandteil der Museumsveranstaltungen entwickelt. Auch diesmal zeigte sich, wie groß das Interesse an der Geschichte Deutsch-Wagrams ist: Unter den Gästen befand sich auch Gregor Iser, Altbürgermeister von Parbasdorf. Durch den Museumsfrühling Niederösterreich wurden zudem Besucherinnen und Besucher aus Wien auf die Veranstaltung aufmerksam und kamen eigens nach Deutsch-Wagram.
Der Stadtspaziergang begann wie gewohnt im Bereich des alten Dorfes, hinter dem Denkmal der Schlacht bei Wagram bei der alten Schmiede. Dieser Bereich gehört zu jenen Orten, an denen die historische Struktur des alten Deutsch-Wagram noch nachvollziehbar ist. Von hier aus führte Fritz Quirgst die Besucherinnen und Besucher Schritt für Schritt durch die Geschichte des Ortes – von den mittelalterlichen Anfängen bis zu wichtigen Entwicklungen des 19. und 20. Jahrhunderts.
Zu Beginn wurde die erste Besiedlung Wagrams in der Zeit der Babenberger im 11. und 12. Jahrhundert besprochen. Ebenso ging Fritz Quirgst auf die erste urkundliche Erwähnung im Jahr 1258 ein, als Wagram in einem Urbar Ottokars von Böhmen genannt wurde. Anhand dieser frühen Hinweise wurde deutlich, dass die Geschichte des Ortes weit über die Ereignisse von 1809 hinausreicht.
Ein wichtiger Teil der Ausführungen betraf das System der Grundherrschaften. Fritz Quirgst erklärte, wie Besitzverhältnisse, Abgaben, Zuständigkeiten und herrschaftliche Strukturen das Leben der Bevölkerung über Jahrhunderte prägten. Auch die Türkenbelagerungen von 1529 und 1683 wurden in diesen größeren Zusammenhang gestellt. Die Auswirkungen solcher Ereignisse reichten weit über die unmittelbaren Kampfhandlungen hinaus und betrafen Siedlungen, Landwirtschaft, Besitzverhältnisse und die weitere Entwicklung der Orte im Marchfeld.
Zur Sprache kamen auch die Hausnummern und Straßennamen. Gerade bei einer Führung durch den historischen Ortsbereich wird sichtbar, dass solche Bezeichnungen nicht nur der Orientierung dienen, sondern auch Spuren früherer Verwaltungsformen, alter Wegebeziehungen und lokaler Erinnerungen bewahren.
Von dort führte der Weg zur Kirche und zum historischen Kirchenfriedhof. Dort standen die 2023 neu aufgestellten Grabsteine und die dazugehörige Kultur[er]leben-Tafel im Mittelpunkt. Diese Station verwies auf die Bedeutung des alten Friedhofs als Erinnerungsort und auf die Arbeit, historische Grabsteine zu sichern und wieder sichtbar zu machen.
Im Zusammenhang mit der Kirche erläuterte Fritz Quirgst auch die Entwicklung Wagrams zur josephinischen Pfarre. Im Jahr 1784 wurde Wagram eine eigenständige Pfarre. Damit erhielt der Ort nicht nur eine neue kirchliche Bedeutung, sondern auch eine wichtige Funktion für das religiöse und gesellschaftliche Leben der Bevölkerung.
Offizielles Gruppenfoto vor der Kultur[er]leben Tafel „Johannes der Täufer – Rufer in der Wüste“: © Romana Beran
Die Kultur[er]leben Tafel „Johannes der Täufer – Rufer in der Wüste“ von Joseph Heu: © Manfred Groß
Beim Pfarrhaus folgte eine weitere wichtige Station: die Skulptur „Johannes der Täufer – Rufer in der Wüste“ von Bildhauer Joseph Heu. Die dazugehörige Kultur[er]leben-Tafel befindet sich an der Rückseite des Schaukastens vor dem Pfarrhof in der Kirchengasse 2, direkt bei der Skulptur. Die Plastik wurde 1929 geschaffen, 1964 auf Initiative von Pfarrer Josef Ruzek von der Pfarre Deutsch-Wagram erworben und zunächst im Garten des alten Pfarrhauses aufgestellt. Nach der Fertigstellung des neuen Pfarrhauses kam sie an ihren heutigen Standort.
Auch der Künstler selbst wurde bei dieser Station thematisiert. Joseph Heu wurde 1876 in Marburg an der Drau geboren und war als österreichischer Maler, Bildhauer und Lehrer tätig. Seine Skulptur „Rufer in der Wüste“ zählt zu seinen bedeutenden Arbeiten und wurde unter anderem 1934 bei der internationalen Ausstellung für christliche Kunst in Rom, 1946 bei der Ausstellung „Niemals vergessen“ in Wien, 1951 bei den Salzburger Festspielen sowie 1961 bei der Jubiläumsausstellung „100 Jahre Künstlerhaus“ gezeigt.
Bilder der Plastik „Rufer in der Wüste“ und von Bildhauer Joseph Heu
Fotos: © Katharina Heu, Museumsgesellschaft Deutsch-Wagram, Christian Matula
Da die Führung am 8. Mai, dem Tag des Endes des Zweiten Weltkriegs in Europa, stattfand, erhielt diese Station eine besondere Aktualität. Joseph Heu wurde nach dem Anschluss Österreichs 1938 wegen seiner jüdischen Ehefrau Cäcilie mit einem Arbeitsverbot belegt, sein Atelier und viele Werke wurden konfisziert, und er musste Österreich verlassen. Vor diesem Hintergrund wurde die Skulptur auch als Symbol gegen Tyrannei und Unrecht besprochen.
Anschließend führte der Weg in die Stadtallee – über die Schulallee und den neuen Europaplatz. Hier standen die Schulen in Deutsch-Wagram im Mittelpunkt. Fritz Quirgst ging dabei auf die Entwicklung des Ortes als Schulstandort ein und zeigte, welche Bedeutung dieser Bereich entlang der Stadtallee für das öffentliche Leben Deutsch-Wagrams hat.
Weiter ging es durch die Friedhofallee in Richtung Marktplatz. Dabei wurde auch auf das Kino hingewiesen, das zu den ältesten Kinos Niederösterreichs zählt. Gegenüber befindet sich die denkmalgeschützte Musikschule, ein Bau aus dem frühen 20. Jahrhundert. Der Marktplatz selbst besteht seit 1929 und wurde in den vergangenen Jahren wieder stärker als Zentrum der Stadt belebt. Seit 2006 findet hier regelmäßig der Deutsch-Wagramer Frischemarkt statt; 2020 wurde der neugestaltete Marktplatz mit begrünten Aufenthaltsbereichen, Brunnen, Verbindung zur Musikschule, Musikschulgarten und Bühne eröffnet. Eine Kultur[er]leben-Tafel informiert vor Ort über die Geschichte und Hintergründe des alten Marktplatzes.
„Rufer in der Wüste“ von Bildhauer Joseph Heu
3D Visualisierung: © noe-3d.at
Auch die Schlacht bei Wagram 1809 war ein wesentlicher Bestandteil der Führung. Fritz Quirgst erläuterte die Bedeutung dieses Ereignisses für Deutsch-Wagram und die Erinnerungskultur des Ortes. Der letzte Abschnitt führte schließlich in den Dr.-Sahulka-Park zur Monumentalkapelle, dem ersten Denkmal zur Schlacht bei Wagram. Damit wurde ein zentraler Erinnerungsort besucht, der bis heute an die Ereignisse des Jahres 1809 erinnert.
Neben der Schlacht bei Wagram kam auch die erste Dampfeisenbahn von Floridsdorf nach Wagram im Jahr 1837 zur Sprache. Diese Bahnverbindung war für die weitere Entwicklung des Ortes von großer Bedeutung. Deutsch-Wagram wurde dadurch früh an eine moderne Verkehrsverbindung angebunden; die Geschichte der ersten Bahnstrecke von Floridsdorf nach Deutsch-Wagram ist bis heute ein wichtiger Teil der Museumsarbeit.
Ein besonderer Blick galt diesmal auch Parbasdorf. Der Ort wurde bereits um 1180 erstmals erwähnt, war jedoch vom 15. bis ins 17. Jahrhundert verödet. Später wurde Parbasdorf von Markgrafneusiedl aus wieder bestiftet und gehörte zur Herrschaft Wolkersdorf. Dass mit Gregor Iser, dem Altbürgermeister von Parbasdorf, ein Besucher mit direktem Bezug zu diesem Thema anwesend war, machte diesen Abschnitt der Führung besonders interessant.
Nach mehr als zweieinhalb Stunden endete ein außergewöhnlich informativer Stadtspaziergang. Fritz Quirgst verband dabei die großen Linien der Geschichte mit konkreten Orten: altes Dorf, Kirche, Kirchenfriedhof, Pfarrhaus, Schulen, Kino, Musikschule, Marktplatz und Monumentalkapelle. Gerade diese Verbindung von historischen Fakten und sichtbaren Spuren im Stadtbild machte die Führung besonders anschaulich.
Die Museumsgesellschaft Deutsch-Wagram bedankt sich herzlich bei allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern für das große Interesse. Die Geschichts- und Stadtführungen mit Fritz Quirgst zeigen einmal mehr, wie viel Geschichte in Deutsch-Wagram unmittelbar vor Ort erfahrbar ist.
Autor: Christian Matula
























