Geschichts- und Stadtführung mit Fritz Quirgst
Am Freitag, dem 11. September 2026, lud die Museumsgesellschaft Deutsch-Wagram erneut zu einer Geschichts- und Stadtführung mit Museumspräsident Friedrich „Fritz“ Quirgst ein. Diesmal fand sich eine kleinere, dafür besonders interessierte Gruppe zusammen. Neben Besucherinnen und Besuchern aus Deutsch-Wagram durften wir auch Gäste aus Bockfließ, Schönkirchen-Reyersdorf und Wien begrüßen.
Von Beginn an zeigte sich, wie groß das Interesse der Teilnehmerinnen und Teilnehmer war. Immer wieder wurden Fragen gestellt und einzelne Themen ausführlicher besprochen. Die ursprünglich für rund zwei Stunden geplante Führung wurde auf Wunsch der Gruppe schließlich um etwa eine halbe Stunde verlängert.
Vom mittelalterlichen Wagram zum wachsenden Ort
Begonnen wurde im Bereich des alten Dorfes bei der ehemaligen Schmiede. Noch bevor sich die Gruppe auf den Weg machte, nahm sich Fritz Quirgst viel Zeit, um die ältere Geschichte Wagrams ausführlich zu erzählen.
Der historische Bogen reichte von der Besiedlung während der Zeit der Babenberger über das österreichische Interregnum und König Ottokar II. von Böhmen bis zur ersten urkundlichen Erwähnung Wagrams im Jahr 1258. Im sogenannten „Rationarium Austriacum“, einem landesfürstlichen Zehentverzeichnis, scheint der Ort erstmals schriftlich auf.
Ausführlich erläuterte Fritz Quirgst auch das System der Grundherrschaften, das den Alltag der Bevölkerung über Jahrhunderte bestimmte. Namen wie die Herren von Eckartsau und Puchheim, die Grafen von Landau oder später die Grafen Grundemann von Falkenberg sind eng mit der Geschichte des Ortes verbunden. Dabei ging es nicht nur um Besitzverhältnisse, sondern vor allem darum, wie die bäuerliche Bevölkerung lebte, welche Abgaben und Dienste zu leisten waren und welche Aufgaben die jeweilige Grundherrschaft übernahm.
Über die Türkenkriege und zahlreiche weitere Umbrüche führte der historische Bogen schließlich bis zur Revolution des Jahres 1848 und zur Aufhebung der Grundherrschaft. Fritz Quirgst schilderte anschaulich, welche Veränderungen die sogenannte Bauernbefreiung für die Menschen tatsächlich mit sich brachte und wie grundlegend sich damit jahrhundertealte gesellschaftliche Verhältnisse veränderten.
Auch der Rußbach gehörte zu diesem ersten großen Kapitel der Führung. Einst verlief der gefürchtete „böse Rußbach“ mitten durch den Dorfanger und sorgte immer wieder für schwere Überschwemmungen. 1772 wurde sein Lauf hinter den Ort verlegt. Die erhoffte Lösung brachte diese Maßnahme allerdings noch nicht: Hochwasser blieb weiterhin ein wiederkehrendes Problem. Erst durch weitere Regulierungs- und Schutzmaßnahmen konnte die Gefahr im Laufe der Zeit zunehmend eingedämmt werden.
Besonders anschaulich war dabei der Blick auf die Größe des alten Wagram. Über viele Jahrhunderte veränderte sich der Ort erstaunlich wenig. Meist bestand er nur aus etwa 40 bis 60 Häusern und wenigen hundert Einwohnern. Noch Ende des 18. Jahrhunderts lebten hier lediglich rund 350 bis 400 Menschen.
Erst mit der Eisenbahn begann sich dieses Bild langsam zu verändern. 1837 erreichte die erste dampfbetriebene Eisenbahn Österreichs Wagram. In den folgenden Jahrzehnten setzte eine zunehmende Entwicklung ein, die sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts enorm beschleunigte: 1890 lebten knapp 1.000 Menschen in Wagram, 1900 bereits rund 1.700 und 1910 mehr als 3.000. Bis Ende der 1920er-Jahre waren es rund 4.000 Einwohner. Aus dem über Jahrhunderte nahezu unveränderten Bauerndorf war bis Ende der 1920er-Jahre mit rund 4.000 Einwohnern die größte Gemeinde des Bezirks geworden – 1929 folgte die Erhebung zur Marktgemeinde.
Weitere Fotos von der Veranstaltung: © Christian Matula
Erinnerung an die Schlacht bei Wagram
Nach diesem ausführlichen Einstieg führte der Weg zum Denkmal der Schlacht bei Wagram. Fritz Quirgst erinnerte hier an den Deutsch-Wagramer Postmeister Anton Pfalz, der 1904 im Gemeinderat die Initiative zur Errichtung eines großen Denkmals für die Schlacht bei Wagram im Jahr 1809 ergriff. Fünf Jahre später, 1909, konnte das von Bildhauer Franz Seifert geschaffene Denkmal feierlich enthüllt werden.
Direkt gegenüber, bei der Erinnerungstafel in der Sachsenklemme, wurde die besondere Bedeutung dieses Bereichs während der nächtlichen Kämpfe vom 5. auf den 6. Juli 1809 erläutert.
Nur wenige Schritte weiter führte der Rundgang am sogenannten „Baron-Haus“ in der heutigen Franz-Mair-Straße vorbei. Hier lebte Baron Hugo Freiherr von Tkalcsevich, der für die Erinnerungskultur Deutsch-Wagrams eine ganz besondere Bedeutung besitzt. Das historische Gebäude befindet sich heute leider in einem äußerst schlechten baulichen Zustand.
Tkalcsevich ließ 1859 die Monumentalkapelle errichten – als Familiengruft und zugleich als erste Erinnerungsstätte an die Gefallenen der Schlacht bei Wagram.
Vor dem Denkmal der Schlacht bei Wagram sowie bei historischen Aufnahmen des ehemaligen Angerdorfes, darunter auch das sogenannte „Baron-Haus“. Foto: © Christian Matula
Von der alten Bäckerei zur Pfarrkirche
In der Rohrergasse folgte die ehemalige Bäckerei Hager, deren Geschichte bis in das Jahr 1752 zurückreicht. 1773 übernahm Joseph Hager I. die bereits bestehende Bäckerei des Bäckers Träxl. Über viele Generationen blieb der Name Hager eng mit dem Bäckerhandwerk in Deutsch-Wagram verbunden.
Danach ging es zur Stadtpfarrkirche. Fritz Quirgst erläuterte zunächst die wechselvolle Bau- und Pfarrgeschichte. Im Zuge der Reformen unter Kaiser Joseph II. wurde Deutsch-Wagram 1784 zur eigenständigen Pfarre erhoben; von Beginn an gehörten auch Aderklaa und Helmahof dazu.
Ein besonderer Teil der Führung war die Besichtigung des Kircheninneren. Vom heutigen Kirchenraum ging es auch in den baulich erhalten gebliebenen gotischen Chor der alten Kirche. Während der großen Umgestaltung von 1956 bis 1958 wurde der neue Kirchenraum rechtwinkelig zur alten Anlage errichtet, der historische Chor blieb jedoch erhalten und ist heute als schlichter, weiß gehaltener Raum sichtbar.
Dort fiel der Blick auch auf die Statue Johannes des Täufers, die sich früher am Dachgiebel der Kirche befand.
Besonders ausführlich beschäftigte sich die Gruppe mit dem bemerkenswerten Sandsteinrelief des linken Seitenaltars aus dem Jahr 1514. Es zeigt Maria mit dem Jesuskind, die heilige Dorothea und die Figur des Stifters. Die Inschrift erinnert an Niclas Forster, Maler und Pfründner. Ursprünglich befand sich das Relief im Wiener Dorotheerkloster. 1671 wurde es von Adam Anton Grundemann erworben und nach Deutsch-Wagram gebracht. Weitere Informationen zur Kirche und zum Relief finden sich auch im Bericht über die Geschichts- und Stadtführung der Wagramer Historientage 2026.
Einblicke in die Pfarrkirche Deutsch-Wagram: der heutige Kirchenraum, der baulich erhalten gebliebene gotische Chor der alten Kirche mit der Statue des hl. Johannes des Täufers sowie das Sandsteinrelief des linken Seitenaltars aus dem Jahr 1514. Fotos: © Christian Matula
Historische Grabsteine und spätsommerliche Sonne
Im ehemaligen Kirchenfriedhof beziehungsweise Wehrkirchhof erläuterte Fritz Quirgst anschließend die Geschichte dieses besonderen Ortes. Hier befinden sich heute wieder mehrere historische Grabsteine und Skulpturen, die über Jahrzehnte im ehemaligen Pfarrgarten gelagert waren. 2023 wurden sie auf Initiative von Ing. Manfred Groß, Ortschronist und Direktor des Stadtmuseums, an der Nordseite der Kirche neu aufgestellt und damit wieder öffentlich sichtbar gemacht.
Gerade hier zeigte sich plötzlich auch die spätsommerliche Sonne. Zwischen den alten Grabsteinen, der historischen Kirchenmauer und den alten Bäumen entstand für einige Minuten eine besonders stimmungsvolle Atmosphäre – fast wie geschaffen für diesen Spaziergang durch die Geschichte Deutsch-Wagrams.
Weiter ging es zur Alten Volksschule in der Kirchengasse. Das Gebäude wurde 1791 errichtet, nach einem Brand bereits 1792 wieder aufgebaut und spielte auch während der Ereignisse des Jahres 1809 eine Rolle: Damals war hier die Feldpost untergebracht.
Nur wenige Schritte später öffnete sich der Blick auf das heutige Schulzentrum. Fritz Quirgst zeichnete auch hier die Entwicklung über viele Generationen nach – von der „Neuen Volksschule“ des Jahres 1875 über die ehemalige Hauptschule und heutige Mittelschule bis zum BORG Deutsch-Wagram und zur modernen Sporthalle.
Musikschule, Kino und Marktplatz
Über die Stadtallee führte der Rundgang weiter zur denkmalgeschützten Musikschule und zum gegenüberliegenden Kino. Das Deutsch-Wagramer Kino wurde bereits 1910 eröffnet und zählt damit zu den ältesten Kinos Niederösterreichs – ein weiteres erstaunliches Stück Stadtgeschichte, an dem viele im Alltag wohl ganz selbstverständlich vorbeigehen.
Von dort waren es nur wenige Schritte zum Marktplatz. Auch dieser Bereich erzählt von der Entwicklung Deutsch-Wagrams. Der heutige Marktplatz wurde 2020 umfassend neugestaltet und bildet wieder einen zentralen Treffpunkt im Herzen der Stadt.
Die denkmalgeschützte Musikschule und der Marktplatz in Deutsch-Wagram. Foto: © Christian Matula
Der Kreis schließt sich bei der Monumentalkapelle
Den Abschluss des Rundgangs bildete schließlich die Monumentalkapelle im Dr.-Sahulka-Park. Hier schloss sich der Kreis zu jenem Baron Hugo Freiherr von Tkalcsevich, dessen ehemaliges Wohnhaus die Gruppe zuvor passiert hatte. Die 1859 errichtete Kapelle war nicht nur seine Familiengruft, sondern zugleich die erste ausdrücklich der Erinnerung an die Schlacht bei Wagram gewidmete Gedenkstätte des Ortes.
Nach rund zweieinhalb Stunden endete damit ein ebenso umfangreicher wie kurzweiliger Spaziergang durch mehr als sieben Jahrhunderte Deutsch-Wagramer Geschichte.
Für viele war damit aber noch nicht Schluss: Im Anschluss gingen zahlreiche Besucherinnen und Besucher gemeinsam mit Fritz Quirgst noch in Bruno’s Stadtkaffee am Marktplatz, wo der gelungene Nachmittag in gemütlicher Runde ausklang.
Herzlichen Dank an Fritz Quirgst und an alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer!
Wer diesmal nicht dabei sein konnte: Die nächste und zugleich letzte Geschichts- und Stadtführung dieses Jahres mit Fritz Quirgst findet am Freitag, dem 9. Oktober 2026, um 16:00 Uhr statt.
Autor: Christian Matula
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![Vor der Kultur[er]leben-Tafel zum Bildhauer Joseph Heu und zur Statue „Johannes der Täufer“. Geschichts- und Stadtführung mit Fritz Quirgst am 11.09.2026, © Christian Matula](https://www.museumdw.at/wp-content/uploads/2026/09/Geschichts-und-Stadtfuehrung-in-Deutsch-Wagram-202609-16-379x284.jpg)




















